Zeitungs- und Magazinbeiträge
(chronologisch absteigend)
Nobelhotel tauscht mit Imbissbude
FREITAG DER 3. SEPTEMBER 2010 | QUELLE: RUHRNACHRICHTEN
...Die Krönung an Kreativität stammt einmal mehr von der Gruppe jae pas. Sie hat dafür gesorgt, dass im Hamburger Point ein Gericht für 18 Euro mit Entenleber und Roter Beete aus dem Restaurant Gabriel?s im Kaiserhof angeboten wird und dort wiederum ein Hamburger- oder Cheeseburger-Menü aus der Imbissbude. Eigentlich wollten jae pas auch noch das Sparkassen-S auf den Kopf stellen. Doch was in der Filiale auf Gegenliebe gestoßen war, wurde von der Marketing-Abteilung gestoppt. Schade.
von Heiko Ostendorf
Aufriss 4.-19. April 2009, LWL Landesmuseum
Marcel Schumacher
aus dem Katalog zur Ausstellung | ISBN Nr.: 3-88789-157-0
Kreide / Dülmener Rose
Der Zustand des Museums zwischen Abschied und Wandel wird in der Intervention der Künstlergruppe Jae Pas spürbar. Die letzten Besucher des Museums haben auf ihrem Rundgang Spuren weißen Staubs auf dem dunkelgrauen Boden hinterlassen, da die Künstler die Fußmatte im Windfang des Museums mit weißer Kreide füllten.
Während der zwei Wochen der letzten Öffnung des Museums blüht ein Apfelbaum auf dem Vorplatz, dort wo das Architekturbüro Volker Staab in einer publizierten Ansicht des kommenden Neubaus dekorativ einen weiß blühenden Baum gesetzt hatte. Der Apfelbaum und seine Frucht sind in der Kunstgeschichte ein durch alle Jahrhunderte reichendes Motiv und verweist auf den Inhalt des Museums. Dieses lebendige Ready-made erscheint auf diese Weise wie eine Zukunftsvision des kommenden Neubaus und zugleich wie ein Abschiedsgruß von einem Museumsbau der Deutschen Nachkriegsmoderne.
aktuell oder die fiktion der "autonomie" akuell - autonome skulptur
MONTAG, DEN 12. JANUAR 2009 | QUELLE: Büro für Kunstvermittlung
bei der ausstellung zum 90 jährigen bestehen der ?schanze?, münster`s ältester künstlervereinigung, bisher in dem ruf bieder und langweilig, also eher etwas für zahnarztgattinnen zu sein, sorgt ein werk des künstlerduo jaepas für diskussionen. jaepas, wurden von kurator klaus tesching , selber beuys schüler, als gastkünstler eingeladen sich an der ausstellung zu beteiligten. das taten sie in der form einer autonomen skulptur.
wie darf man sich nun eine autonome skulptur vorstellen? ganz einfach, es ist fast schon ein kalauer, jaepas haben ein paar autonome eingeladen in der stadthausgalerie quartier zu beziehen. diese leben und wohnen nun dort, gestalten dort ein eigenes kulturelles programm. jaepas haben also nicht weiter getan, als einen kunstrahmen für die hausbesetzer der grevener strasse zu schaffen und diese quasi auf einen sockel zu hiefen und auszustellen. und deren lebensform und forderungen dadurch nachdruck zu verleihen, in dem sie sie in einen anderen(kunst-)kontext transportieren und vorführen. das werk der beiden ist nun das, was dort passiert und welche effekte sich daraus ergeben.
an sich ist dies nicht unbedingt etwas ungewöhnliches im kunstkontext - und wir sollten uns immer bewußt bleiben, es ist kunst, mit allen implikationen und konnotationen die da dran hängen. als beispiele sei hier kurz auf das ?bataille monument? von thomas hirschhorn oder ?tomorrow is another day? von rikrit Tiravanija verwiesen, überhaupt auch auf den begriff der ?relationalen ästhetik? oder partizipatorische projekte verwiesen. ein interessantes feld, datt wir jetzt aber mal links liegen lassen und auf das teil in der stadthausgalerie kommen.
was genau ist die qualität dieser arbeit, die formal als sich selbstorganisierendes chaos in bester DIY manier daher kommt, was wir natürlich immer begrüßen.
und damit sind wir dann auch schon mitten im thema, den das wirklich spannende an der arbeit ist nicht das formale, sondern welche fragen sich aus ihr heraus formulieren lassen. da wäre als erstes die frage, was wollen wir für eine kultur in münster? eine die fertig vorkonfektioniert ist und nur noch wegkonsumiert werden braucht? eine kunst die nette deko ist und gut zum sofa passt, keinem mehr weh tut? die nicht mit unbequemen fragen nervt, sondern sich dem stattdessen nett dem allgemeinen konsens unterordnet und nicht mehr versucht, eine eigene definition von Kunst zu geben, sondern schluckt was ihr von den experten, wer immer das ist, nahegelegt wird? die von internationaler jetsetkunst in sakralen ausstellugsfriedhöfen dem bürger zum bestaunen vorgesetzt wird? genügend kannonisiert, um niemanden mehr wirklich zu provozieren, sondern nur noch zur selbstbespiegelung einer szene dient, die sich dort auf feinen vernisagen trifft, um sich der eigenen wichtigkeit zu versichern?
hier haben wir nun das gegenteil, etwas, das aus dem kulturellen leben der stadt selbst kommt und endlich den toten ausstellungsraum mal mit sowas wie leben erfüllt. hier passiert nun was, kunst und kultur werden nicht mehr nur still konsumiert, sondern aktiv gelebt und laut tönt aus diesem, für viele scheinbar unangenehmen grundrauschen, die frage heraus, warum soll man kein autonomes soziokulturelle zentrum schaffen? ist es so schlimm was da im rathausinnenhof passiert? oder ist es nur unsere angst vor dem anderen, dem ungewohnten, das uns wieder nach geordneten verhältnis und blitzblanker, leicht verdaulicher kunst und kultur rufen lässt? etwas, das man sich nett in der sparkasse anschauen kann, während man darauf wartet, bedient zu werden. son ein netter rummelplatzevent wie die skulptur projekte, der die stadt schön schmückt? soll die schanze dafür bestraft werden, etwas leben in die bude gebracht zu haben und uns diese fragen und einige andere mehr ins bewußtsein gerufen zuhaben? sollten wir nicht im gegenteil sagen: bravo jungs und mädels, toll gemacht. ihr kriegt ne extragratifikation? denn eins sollte klar sein, ne lebendige und interessante kultur und kunst bietet immer widerstände und reibungspunkte. alles andere ist dann eher ein fall für george romero.
allein daran wird schon die ironie des begriffes der ?autonomen? skulptur deutlich, den so wirklich autonom ist da gar nichts, stattdessen ist es in soziale kontexte, erwartungshorizonte und erwartungserwartungshorizonte eingebettet(kleiner virtueller link auf lacan und zizek). und es wird auch klar: autonome beissen ja gar nicht.
Hausbesetzer werden lebendes Kunstwerk
MONTAG, DEN 19. JANUAR 2009 | QUELLE: Muenstersche Zeitung
Mit weißen Masken sitzen die jungen Leute auf dem Sofa in Münsters Stadthausgalerie. In der Zeitung und im Internet wollen sie ihre Gesichter dann doch nicht zeigen. Ansonsten kann man sie aber besichtigen wie die Bewohner des Big-Brother-Containers. Einige Hausbesetzer von der Grevener Straße 53 sind für die nächsten Wochen in die Ausstellung der Künstlervereinigung Schanze gezogen. Ein lebendes Kunstwerk, initiiert vom münsterschen Künstlerduo Jae Pas. Die Autonomen schlafen auf dem Boden auf Matratzen, benutzen Dixi-Klos im Rathaus-Innenhof, bieten den Besuchern Kaffee an ? und sind vor allem für heiße politische Diskussionen zu haben.?Wir gehen zur Politik??Die Politik kümmert sich nicht um uns, also gehen wir jetzt zur Politik?, sagt eine Frau mit Blick auf den nebenan residierenden Oberbürgermeister. Und dann fliegen die Argumente: Die vom Abriss bedrohten Häuser an der Grevener seien gut in Schuss, die Politiker hätten nur ?von der gegenüberliegenden Straßenseite? einen Blick auf die Fassade geworfen und vorschnell geurteilt. In der Innenstadt gebe es keine alternativen Kulturangebote mehr, die Forderung nach einem soziokulturellen Zentrum werde systematisch von der Stadtverwaltung verschleppt. Stattdessen entstünden überall neue Geschäftshäuser, die teils ?ästhetische Verbrechen? seien, so Jae-Pas-Künstler Jan Andreas Enste.Schanze-Kanzler Klaus Tesching solidarisierte sich mit den jungen Leuten und prangerte die Bebauung des Stubengassen-Parkplatzes an ? dort sei der Platz für einen schönen Park verspielt worden.Provozierende ArgumenteDie Hausbesetzer wirken sympathisch und aufgeschlossen. Aber man kann sich an der Ich-will-Mentalität ihrer Argumente und an ihren architektonischen Ansichten durchaus reiben. Die Idee des Jae-Pas-Duos Enste und André Pascal Stücher, ein so heikles politisches Thema vor die Tore des Rathauses zu zerren, ist auf jeden Fall bestechend. Die Schanze hat zu ihrem 90. Geburtstag ihre Lebendigkeit bewiesen ? wenn auch um den Preis, dass die Werke aller anderen Mitgliedskünstler inhaltlich weit an den Rand rücken.
von Manuel Jennen
Das Künstlerduo Jae Pas gewinnt Preis im Kosovo
SAMSTAG; DEN 3. JANUAR 2008 | QUELLE: Muenstersche Zeitung
Das münstersche Künstlerduo Jae Pas hat im Dezember für seine Aufsehen erregenden Kunstaktionen den ?Muslim Mulliqi Preis? erhalten: die wichtigste Auszeichnung für zeitgenössische Kunst im Kosovo. In der Nationalgalerie in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, flimmern Bilder vom Prinzipalmarkt über einen Bildschirm. Und Bilder vom Aasee mitten in der Nacht, als eine riesige Kugel im Wasser versenkt wird, Polizisten auftauchen und die Aktion verhindern wollen ? selbst als sie wissen, dass es sich um Kunst handelt.
Das münstersche Künstlerduo Jae Pas hat im Dezember für seine Kunstaktionen den ?Muslim Mulliqi Preis? erhalten: die wichtigste Auszeichnung für zeitgenössische Kunst im Kosovo. Jan Andreas Enste (jae) und Pascal André Stücher (pas), beide Studenten an der Kunstakademie Münster, waren selbst in der Hauptstadt Prishtina, um ihn im Empfang zu nehmen. Jetzt sind sie zurück. Und erzählen begeistert von der Woche in einem Land, über das sie nur ?abstrakte? Vorstellungen hatten.
Kosovarisches Frühstücksfernsehen
Selten hätten sie eine solche Gastfreundschaft, solch herzliche Menschen erlebt. Der Medienrummel war groß, als Kulturminister Valton Beqiri den beiden Münsteranern den mit 3000 Euro dotierten Preis überreichte, die Tageszeitungen titelten oscarreif ?Der Preis geht nach Deutschland!?, drei Fernsehsender strahlten Berichte aus. ?Wir hatten sogar eine Einladung ins Frühstücksfernsehen, aber das haben wir nicht mehr geschafft.? Es sei eine sehr große Ehre, diese Auszeichnung zu bekommen, sagten sie auf der Pressekonferenz in Prishtina: ?Wir hoffen, damit ein Stück der durch die Bundesnachrichtendienst-Operationen verloren gegangenen Sympathien für Deutschland wieder zu gewinnen.?
Von Kollegen bewertet
Ein Kommilitone der Kunststudenten hatte einem Kurator in Kosovo die Arbeiten der beiden empfohlen: Der schaute sie sich an und lud die Münsteraner ein ? zur Ausstellung ?Überwachung und Disziplin im öffentlichen Raum? in der Nationalgalerie Prishtina. 26 nationale und internationale Künstler dürfen hier bis zum 18. Januar ihre Positionen zeigen ? und sie durften selbst den Preisträger bestimmen. ?Das ist umso schöner, wenn man von Kollegen ausgezeichnet wird?, so Enste und Stücher.
Eine Kugel schwimmt im Aasee
Ein Film im Museum zeigt ihre ?swimming pool ball?-Aktion: Im Juni 2006 erregten Jae Pas Aufsehen, als sie zu drei großen Billiardkugeln von Claes Oldenburg eine Vierte mitten auf dem Aasee platzierten. Die Reaktion eines Polizeibeamten ist auch auf ihrer Internetseite dokumentiert: ?Sie können nicht einfach zu irgendeinem See gehn und da so ein Ding reinplantschen lassen!?
Im gleichen Monat bauten Jae Pas am internationalen Tag des Flüchtlings ein Haus auf dem Prinzipalmarkt ? ebenfalls ohne Genehmigung. Zwei Stunden stand die Skulptur, eine Romakapelle spielte spontan ein Konzert im Haus, schließlich musste es abgerissen werden ? ein Strafverfahren gegen die Künstler wurde eingestellt.
Was darf Kunst?
Warum kamen gerade diese Arbeiten so gut an? ?Wir haben nicht thematisch zum Begriff Überwachung gearbeitet?, so Enste. ?Wir beschäftigen uns eher mit dem allgemeinen Freiheitsbegriff und fragen, was die Kunst für eine Funktion in der Gesellschaft hat.? Und Stücher ergänzt: ?Es sind auch ermutigende Arbeiten, die zeigen, was man schaffen kann.?Die beiden haben die ?sehr gute Kunstszene? in Prishtina kennen gelernt, ?tiefe Freundschaften? mit Künstlern vor Ort geschlossen ? und das nächste Projekt schon in der Schublade. Eine Einladung an die Kosovaren, nach Münster zu kommen. Für eine gemeinsame Ausstellung.
Von Sabine Müller
Ausgezeichnet! Aaseekugel auf Tour im Kosovo
MONTAG, DEN 7. JANUAR 2009 | QUELLE: ufafo.ms
Die Auszeichnung ist damit auch eine Ehrung aller beteiligten AktivistInnen an den Projekten im Rahmen der Münsteraner Aktionswoche gegen Bildungs- und Sozialabbau im Sommer 2006. Das uFaFo war von Anfang an mit dabei und berichtet daher ausführlich.
Im Sommer 2006 hatten alle Münsteraner Studierendenschaften zur Aktionswoche aufgerufen, so auch der AStA der Kunstakademie mit dem Künstlerduo JaePas. Die versenkte Aaseekugel symbolisierte dabei das aus dem Gleichgewicht geratene Bildungssystem. ?Die Einführung von Studiengebühren scheint zunächst ein eindimensionales Problem zwischen Hochschulen und Studierenden zu sein. Die Prozesse, die jetzt angestoßen werden, verändern jedoch die gesamte Landschaft von Bildung und öffentlicher Kultur?, heißt es in der Pressemitteilung von damals.
Noch während der nächtlichen Aktion kam es dabei zur Konfrontation mit der Polizei und die künstlerische Aktion damit an ihre Grenzen. ?Sie werden hier mit Sicherheit keine Kunst mehr machen?, so das Zitat eines der Polizisten. Doch die versenkte Aaseekugel war ein voller Erfolg und fand sogar überregional Beachtung. Die dokumentierten Ereignisse wurden schließlich Teil einer Ausstellung im westfälischen Landesmuseum. Hierzu gehörte auch ein Hausbau auf dem Prinzipalmarkt in derselben Woche. Der Tag des Flüchtlings bot Anlass, dabei über den Tellerrand hinaus auch auf Probleme von Flucht und Migration zu blicken. Eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz musste später eingestellt werden, denn: Die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz verankert und unterliegt damit einem besonderen Schutz. Immer wieder setzten sich die beiden Künstler mit der Frage der Freiheit der Kunst auseinander und testeten diese auf ihren Bestand mit direkten Aktionen im öffentlichen Raum. So entstanden die ?grüne Tür?, eine auf dem Bahnhofsvorplatz postierte Tür für deren Durchschreiten eine Münze eingeworfen werden musste oder das ?Ordnungsland?-Fahrzeug. In der Ausstellungshalle im Speicher am Hafen kam es zur Aktion ?Das Geld ist da, es muss nur verteilt werden? mit einem echten Tresor und vor dem Eingang der Kunstakademie wurde zur Einführung von Studiengebühren in die Bodenplatten der Spruch ?Für unsere Studierenden nur das Beste? mit fluoreszierender Leuchtschrift plaziert. Parallel zur documenta in Kassel wurde auf Einladung des Stellwerk - Kulturbahnhof Kassel das Projekt die ?gefällte beuyssche Eiche? durchgeführt. Ein echter gefällter Baum mitten in der Innenstadt sollte dabei anregen, über den Raubbau an der Natur und die zum Teil tatsächlich bereits gefällten original Beuyss-Eichen nachzudenken.
Vom Kulturminister Valton Beqiri bekam JaePas nun den mit 3000 Euro dotierten Muslim Mulliqi-Preis verliehen. In einer Pressekonferenz ließen die Künstler dazu verlauten: ?Für uns ist es eine sehr große Ehre, diese Auszeichnung zu bekommen. Wir hoffen damit ein Stück der durch die BND-Operationen verlorengegangenen Sympathien für Deutschland wieder zu gewinnen.? Die nationalen Zeitungen ?Koha Ditore? and ?Kosova Sot? titelten daraufhin in ihren Feuilletons ?Cmimi shon ne Gjermani! - Der Preis geht nach Deutschland!?.
MIT OFFENEN AUGEN, 'Kunst aus der Schweiz' - Berge im Kopf
AUSGABE 9 - 2008 | QUELLE: www.iley.de
Mit einer Mischung aus routinierter Seriösität, stiller Zufriedenheit und heimlicher Neugier begegnet er dem verstörten Blick einer Besucherin. Ein Blick, der sagt, was die Frau nicht in Worte packen kann. Ihre Augen sehen nicht das, was sie felsenfest erwartet hatte. Ein großer Bilderberg muss es in ihrem Kopfe sein, den die Frau nun Stein um Stein abtragen müsste. Schafft sie das? Hier in diesem Haus in der Altstadt Münsters, ein enger Raum mit weißen Wänden um sie herum und Rollrasen unter ihren Füßen. Die Frage, ob sie hier denn richtig sei, verfestigt sich in ihrer Mine. Dabei ist es noch keine Minute her, dass sie mit ihrer Freundin eingetreten ist - durch ein kleines, hölzernes Tor. Ihr Eindruck, möglicherweise am falschen Ort zu sein, hat sich in Sekundenschnelle gebildet. Die zwei lebendigen Kaninchen, eines mit sehr langen Ohren, werden das ihrige dazu beigetragen haben. Ihre Anwesenheit erklärt zumindest die Möhren auf der Wies'n. Ein junger Mann ist ganz in Schwarz gekleidet. Er sieht nicht so aus, als würde er zum Inventar gehören. Aber so gerade wie er dasteht und sich auskunftsfreudig mit Leuten umgibt, macht es den Eindruck, als gehöre das Inventar zu ihm. Im Gesicht der Frau zeichnet sich eine Entscheidung ab. Sie tritt also auf ihn zu. "Sollte hier nicht Kunst aus der Schweiz sein, Fotografien?" Sie sagt es und faltet eine Broschüre auseinander. Ihre Orientierungslosigkeit überspielt sie mit forscher Aussprache. Dieser Funke Vehemenz ist auch auf ihre Freundin übergesprungen. Sie kommt die zwei Schritte herbei und zeigt auf das Beweisstück. "Da steht es." Jae, so nennt sich der eine von zwei Künstlern, die diese Frauen ins innerliche Durcheinander gestürzt haben, ist angesprochen. Sie erwischen genau den Richtigen, wissen es nur nicht. "Stimmt denn die Adresse?", entgegnet er und setzt die Unterhaltung im anderen Kreise fort, seine neuen Gäste aber im Augenwinkel behaltend, mindestens ein Ohr gespitzt und die Antwort schon erwartend. Die Freundinnen beugen sich über das bunte Blatt Papier. Als einer von fast 50 Veranstaltungshinweisen zur Langen Nacht der Museen und Galerien ist es auf Seite 35 aufgeführt, als zweites von oben. "Galerie Goeken, Rosenplatz 10." Jae hats gehört. "Ja, das ist hier." Diese Bestätigung hilft den Damen aber nur bedingt aus ihrer vertrackten Situation. Sie gucken sich an und die Frage, die ihre Stirn runzeln lässt, ist nicht mehr die nach dem richtigen Ort. Es ist die nach der Kunst, vor die sie bereits der Galerieeingang gestellt hat. Dass er tatsächlich in einen Schauraum und nicht in einen Schrebergarten wies. Was sich aber da noch unterbewusst abspielte und eher dazu führte, den eigenen Orientierungssinn zu hinterfragen, liegt den Besucherinnen jetzt auf den Lippen: Das soll Kunst sein? Ein Foto von einem Kastenwagen mit der Aufschrift "Ordnungsland" (2007), eines mit einem liegenden Baum inmitten einer Einkaufsmeile ( "Wer fällte die Beuyssche Eiche?", 2007), ein Druck mit Enten vor einer schwimmenden Halbkugel ("swimming pool ball", 2006) - alles Dokumente künstlerischer Aktivitäten. Und ein paar Objekte: eine Sammeldose, die mit "ein Herz für Künstler" den Besuchern Spenden entlocken will, eine alte Dose Tomatensuppe und rote Farbe - vornehm auf weißem Sockel drapiert. Aber Kunst aus der Schweiz? Naja, die Fensterscheibe der Galerie sieht aus wie die Nationalfahne der Alpenrepublik. Die Häschen ziehen auch ganz viel Aufmerksamkeit. Ansonsten gilt das, was Pas, Künstler Nr. 2 im Duo, den Damen ein wenig scherzhaft, aber durchaus ernst gemeint, sagt. - Hatten sie ganz offenbar von Alpenbergen in Sonnenuntergangsstimmung gelesen und auf eine romantische Fotoschau gehofft. - "Das läuft so wie in der Schule: Thema verfehlt, aber trotzdem gut."
Von Michael Billig
Email an JAE PAS
Montag der 15. Dezember| Verfasser: Polizeibeamter
Hallo, herzlichen Dank für den Film. Ich finde, dass Ihr uns auf dem Prinzipalmarkt noch gut habt aussehen lassen. Die Kollegen am AASEE .. na ja! Zumindest solltet Ihr wissen, dass ich Eure Aktionen persönlich toll finde, macht weiter so. Denkt aber mal dran, dass hinter der Uniform ab und zu ein Mensch steckt, der Eure Kunstaktion versteht. Ich wünsche Euch noch viel Erfolg und weitere so tolle Ideen. Gruß ...
Brief an JAE PAS
Dienstag der 2. Oktober| Quelle: documenta Leitung
Sehr geehrter Herr Pas,
Sie haben in Kassel Veranstaltungen mit dem Namen documenta durchgeführt. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass der Name "documenta" beim Deutschen Patent- und Markenamt rechtlich geschützt und die documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH alleinige Rechteinhaberin ist. Somit möchten wir Sie auffordern, den Namen nicht mehr zu verwenden sowie die Informationen aus dem Internet zu nehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Leifeld (documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH)
Documenta 12 von außen
SONNTAG DEN 22. JULI 2007 | QUELLE: Meisters Romantic
...Wenn Documenta ist, ist Kassel sowieso eine andere Stadt, es liegt ein Flair über ihr, als würde sie wo anders liegen, hier spielt eine Indianderkapelle dort sitzen skandinavische Studenten (sorry, genauer konne ich sie nicht identifizieren) und diskutieren laut. Am Friedrichsplatz stehen die Liegestühle dem Mohnfeld zugewandt, als würde man eine Action erwarten.
Die Beuysbäume in der ganzen Stadt raunen, als würden sie sie sich über eine (Studenten?)Action erregen, daß auf der Treppenstraße eine gefällte Eiche mit vollem, vertrockneten Laub hingelegt wurde unter dem Titel "wer fällte die Beuys-Eiche?" - Nebenbei fand ich das auch ziemlich abgeschmackt, weil die einzige Kunst in der Sache die Idee mit dem Titelsatz war und dafür eine Baum fällen? - blöd, finde ich.
Aber insgesamt ist die Dokumenta wieder eine großartige Sache. Ich habe mir für 25? den Katalog gekauft. den werde ich mir erstmal angucken und dann im August nochmal schaun.
documenta 12 oder Prüfstand der Tolleranz
BLOGBEITRAG | QUELLE: Mittenausdemleben
Mein persönliches Lieblingskunstwerk befindet sich allerdings in der Innenstadt in der Nähe von McDonalds. Dort liegt auf einer kleinen Rasenfläche eine vertrocknete gefällte Eiche, welche mit einem kleinen weissen Schild versehen ist, auf dem der Künstler uns fragt: "Wer fällt die beyssche Eiche?". Genial, heutzutage braucht man nur einen knackigen Slogan und schon wird aus einem gefällten Baum ein Kunstwerk. ...
Autor: surfschwede
Baum auf der Treppensrtrasse
DIENSTAG DEN 5. JULI 2007 | QUELLE: HNA LESERBLOG
Diese Aktion der ? Künstlergruppe Jae pas ? zeigt mir einmal mehr, wie heutzutage Sinnlosigkeiten auf das Podest Kunst gehoben werden, um Beachtung zu finden. Ob es sich um eine Eiche vom Projekt 7000 Eichen von Beuys handelt oder es ein anderer Baum ist, der nun abgesägt auf der Treppenstraße liegt, spielt für mich nur zweitrangig eine Rolle. Mit symbolischen Taten auf andere Missstände hinzuweisen sind ja durchaus statthaft. Sie erfüllen ihren Zweck jedoch nur wenn durch eine Aktion nicht anderer Schaden verursacht wird. Die strafrechtliche Seite ist dabei noch eine andere Frage.
Roland Gundlach, Kassel
Wer haute Beuys´ Baum um?
Montag den3. Juli 2007 | Quelle: Münstersche Zeitung
Da liegt sie nun auf einem Stück Wiese in der Treppenstraße in Kassel. Eine Passantin, die hier seit 35 Jahren täglich auf und ab geht, ist irritiert: ? Stand an dieser Stelle ein Bau?? Ihr Begleiter schüttelt den Kopf. Doch was sie sehen, ist keine Halluzination. Vom Ansatz des Stammes bis zum Ende der prächtigen Krone sind es zirka 13 Meter. Knapp über eine Tonne würde sie auf die Wage bringen: die gefällte Eiche.
Das Künstlerduo ?jae pas? aus Münster hat hier seine Finger im Spiel ? eingeladen von der Kunsthochschule Kassel. ?Wir suchen stets einen lokalen Bezug?, begründet Jan Andreas Enste (jae)die Entscheidung, eine ?gefällte Eiche aus dem Raum Kassel? auszustellen. Ein Sattelschlepper bringt den toten Bau ins Herz der Stadt. Enste kleidet die Passanten in orangene Westen, um den Rau abzusichern. Pascal André Stücher (pas) weist den Truck ein. Dahinter hält noch ein Kran Einzug, der die Eiche sanft vom Schlepper hebt.
Zwei Polizeibeamte kommen vorbei, ein Sicherheitsmann der Stadt ebenfalls. Anders als in Münster bleibt die Konfrontation mit den Ordnungshütern jedoch aus. Mit rot ? weißem Flatterband haben Enste, Stücher und ihre freiwilligen Helfer das Terrain ?abgesperrt?. Der ganze Ablauf wirkt wie von höchster Instanz bestellt ? ist er aber gar nicht.
Dem Kunstkenner Heinz Hunnstein bleibt die Verbindung zum Werk von Joseph Beuys nicht verborgen. Ihm gefällt was er sieht. ? Es ist schöner als das Mohnfeld und die Reisterassen?, sagt er in Anspielung auf die aktuelle Documenta. Auch die Stele unter dem Stamm hat er entdeckt. Eine solche befindet sich aufrecht stehend nebst Eiche auch in seinem Garten. Gemeinsam mit Beuys habe er Baum und Stein im Jahr 1982 im Erdreich verankert. Das sei im Rahmen der Documenta VII geschehen, als Joseph Beuys das künstlerische Projekt ?7000 Eichen? initiiert hatte. Seitdem stehen in der ganzen Stadt nicht nur Eichen, sondern auch andere Bauarten verteilt, zu ihren Wurzeln jeweils eine Stele aus Basalt. ? Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung? ? so hatte Beuys das Werk im Untertittel genannt.
Jan Enste berichtet, dass die Zahl der ?7000 Eichen? im Laufe der Zeit abgenommen habe: ? Allein 34 mussten einer Tramstrecke weichen.? ? Wer fällte die Beuyssche Eiche?? hat das Künstlerduo ?jae pas? seine Arbeit denn auch getauft. Und hat gleich eine Antwort parat: ?Konzerne? und ?Politiker? sein für die Kunst-Schändung verantwortlich.
Dass es sich bei ihrer Eiche nicht wirklich um einen von Beuys gepflanzten Baum handelt, weiß in Kassel kaum jemand. Enste und Stücher sind dafür bekannt, dass sie mit der Realität spielen und für ihre Werke den öffentlichen Raum nutzen. ?Wir müssen immer die Grenzen der Kunstfreiheit ausloten?, sagt Enste. In Münster sorgten sie im vergangenen Jahr mit einer schwimmenden Aasee-Kugel (?Swimming Pool?) für Aufregung.
Michael Billig
" Künstlergruppe Jae Pas" legt Baum in die Treppenstraße
SAMSTAG DEN 30. JUNI 2007 | QUELLE: HESSISCH/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE
Ein Eiche nebst Basaltstele hat die " Künstlergruppe Jae Pas" in der Kassler Treppenstraße abgelegt. Nach Angaben der Gruppe handelt es sich um eine Beuys´sche Eiche, die sie im Raum Kassel gefällt habe. " Nicht wir haben den Baum gefällt, sondern die mächtigen Konzerne und ihre instrumentalisierten Politiker sind dafür verantwortlich", heißt es in einer Presseerklärung von Jae Pas.
Bis zum 23. September soll der Baum in der Treppenstraße liegen bleiben. Sollte es sich tatsächlich um eine Beuys Eiche handeln, sei das ein strafrechtlich relevanter Tatbestand, der überprüft werde, so Kulturdezernent Thomas-Erik Junge auf HNA-Anfrage. Die Beuys-Eichen stehen unter Denkmalschutz. Vorsätzliche Eingriffe seien genauso zu beurteilen wie beispielsweise die Übermalung eines Rembrandts. Solche Übergriffe sein mit künstlerischer Freiheit nicht zu rechtfertigen. (hoh)
Das Phänomen der grünen Tür
Mittwoch, 08. November 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Münster. Bislang hatten Literaturfreunde gedacht, Die grüne Tür von H.G. Wells sei Fiktion, der Wahn von Mister Wallace. Der sah sie mal hier, mal dort. Seine Sehnsucht nach ihr wurde derart groß, dass er am Ende starb. Seit Samstag gibt es in Münster eine grüne Tür. Sie tauchte zuerst an der Achtermannstraße auf, am Montagabend war sie verschwunden. Gestern Abend wurde sie auf dem Berliner Platz gesehen.
Immerhin sind die Urheber bekannt. Die Künstler André Pascal Stücher und Jan Andreas Enste nehmen für ihre Tür Artikel5 des Grundgesetzes (Freiheit der Kunst) in Anspruch. Doch dagegen steht das Ordnungsamt. Die Verwaltung führt die Aufrechterhaltung eines störungsfreien Gemeingebrauchs, in diesem Fall des Bürgersteigs, ins Feld, gemäß §18 des Straßen- und Wegegesetzes Nordrhein-Westfalen und §2 der Satzung der Stadt Münster über Sondernutzungen. Schlagen zwei Paragrafen ein Grundgesetz?
Noch ist aber nichts entschieden. Denn das Künstler-Duo jae pas gibt nicht auf. Zwar hat es jetzt innerhalb eines Tages (!) eine Genehmigung für den neuen Standort bekommen, allerdings mit der Auflage, die Kunst mit Baken und Leuchten abzusichern.
Inzwischen ereigneten sich an dieser Tür wundersame Dinge. Erstens haben bereits 63 Passanten den Obolus von zehn Cent eingeworfen, um durch diese Tür im Nichts zu gehn. Und der Türsteher vom Cuba-Nova berichtet, das am Wochenende ein Mann sichtlich irritiert vor dieser einsamen Tür sinniert habe: Das macht doch keinen Sinn. Dann habe dieser eine Münze eingeworfen, sei hindurchgegangen und habe gesprochen: So sinnlos wie mein Leben.Die Tür wird jetzt (vielleicht) bis zum 22. Dezember auf dem Berliner Platz zu sehen sein.
Gehard H. Kock
Ein Rückblick zur Ausstellung "Parkhäuser schAffen Arbeitsplätze"
3. JANUAR 2007 | QUELLE: cuba cultur
Über die Adventstage bot die Künstlergruppe jaepas eine kontrovers diskutierte Ausstellung im Kulturzentrum cuba. Die Künstler setzten sich in der siebenwöchigen Ausstellung mit der Fragestellung auseinander, wo die Freiheit der Kunst aufhört und stellten zu diesem Zweck eine grüne Klotür auf dem Bürgersteig vor das cuba. Die Tür ließ sich nur von einer Seite öffnen und auch nur, wenn der Passant 10 Cent zur Erhaltung der Tür in die vorgesehene Geldkassette einwarf. Die Reaktion des Ordnungsamts ließ nicht lange auf sich warten, schon zwei Tage später wurden die Künstler gebeten die Tür - die ohne Genehmigung aufgestellt wurde - aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. "Sie werden hier keine Kunst mehr machen" waren die abschließenden Worte der Vertreter der Stadt. Ein Pochen auf die Freiheit der Kunst führte aber folgend dazu, dass die Künstler ihre Tür auf der Windhorststraße aufstellen durften.
Dort wurde die Tür leider schon nach wenigen Tagen von Jugendlichen eingetreten, was nach der Restaurierung der grünen Tür nur mit zwei Türstehern beantwortet werden konnte, die zum Schutz des Objekts eingestellt wurden.
Wieder einmal gelang es der Künstlergruppe jaepas durch eine Installation eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen und kritische Fragen, die sowohl gesellschaftlich wie auch künstlerisch zu sehen sind, in den Raum zu stellen.
Andreas Weber
Die Ästhetik des Wiederstandes
UNIKUNSTKULTUR MAGAZIN | MÜNSTER WS 2006
Kaum wurden die Aasee-Kugeln von Claes Oldenburg aufgestellt, versuchten Anarcho-Studenten noch im gleichen Jahr, diese ins Wasser zu rollen. Ohne Erfolg und ohne Ahnung, dass das mehrteilige Kunstwerk massiv in der grünen Wiese verankert ist. Besseren Wissens bauten Schüler der Kunstakademie im Juli einfach eine der Kugeln nach und verankerten sie im Ufer. Die versenkte Aaseekugel ist wohl das Projekt, mit dem der Zusammenschluss aller Hochschul-ASten die meiste Sympathie errungen hat. Nicht aber die einzige. Die Gruppierung, die sich selbst MAT (Münsteraner ASten-Treffen) nennt, ist verantwortlich für eine große Zahl von spektakulären Protestkundgebungen, die sich nicht nur gegen die Einführung von Studiengebühren richteten, sondern auch gegen die Privatisierung der Hochschulen, Sozialabbau im Allgemeinen und die Bedeutung der Veränderungen für die Gesellschaft.
Während der Woche vom 19. bis 24. Juni, in der die Kugel im See zu bewundern war, haben die ASten ihr Basis-Camp mit mehreren Zelten auf der Wiese davor bewohnt. Von dort klärten sie über das Projekt auf und planten weitere Attacken auf den Bildungsraubbau, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Andere Arbeiten der umtriebigen Aktionskünstler waren z.B. eine Tretboot-Demo auf dem See, der Aufbau einer idealisierten Hochschule auf dem Prinzipalmarkt und ein Protestmarsch quer durch die Stadt. Das MAT hat ebenso die Schlossbesetzung durch die ?offene Uni Münster? unterstützt sowie weitere studentische Kundgebungen in diesem Sommer.
André Stücher, der die 218 Kilogramm schwere Protestkugel hauptsächlich aus Styropor nachgebaut hat, ist Vize-Vorsitzender der AStA Kunstakademie und will mit seinem Werk irritieren und eine Angst auslösen. Angst vor der Veränderung einer stabilen Situation hin zu einer instabilen. Die Originalkugeln sind mittlerweile zu einem Symbol für Kunst und Kultur in Münster geworden. Von den meisten Bürgern anfangs misstrauisch beäugt, sind sie inzwischen vom Stadt- respektive See-Bild nicht mehr wegzudenken. Auch die ansässigen Sprayer nutzen sie immer wieder gerne, um ihren mehr oder weniger aussagekräftigen Bildern Publizität zu verleihen.
Besonders in Vorschau auf die Skulptur-Projekte Münster 2007 können wir dieses ungenehmigte Zitat Oldenburgscher Schaffenskraft nur begrüßen, zeigt es doch, wie lebendig Skulpturen in der Öffentlichkeit bleiben und welche Aussagekraft sie einnehmen können. Die überdimensionalen Billardkugeln wurden 1977 für das erste münstersche Skulptur-Projekt von dem Pop-Art-Künstler, der immer in Übergrößen arbeitet, entwickelt. Ursprünglich wollte er seine Kugeln über die ganze Stadt verteilen, das ging den kunstverschlossenen Stadtvätern damals aber zu weit. Darum wurden nur drei Exemplare davon an die eben bekannte Stelle geordert. Ob Oldenburg sich nach all den Jahren noch über eine verspätete Erweiterung seines Werkes freuen würde? Bisher konnte er nicht erreicht werden...
Malte Bongers
Wundersame Kugelvermehrung
Dienstag, 20. Juni 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Münster. Vor knapp 30 Jahren äußerte sich der Studentenprotest mit Brachialgewalt. Wenig erfolgreich, denn die Kugel am Aasee, die 1977 nach einer Party in der Mensa ins Wasser gerollt werden sollte, verharrte in ihrem Fundament. Die aktuelle Studentengeneration, die gegen Studiengebühren und das neue Hochschulgesetz protestiert, ist gewitzter. Seit der Nacht zum Montag liegt eine Riesen-Billard-Kugel ein paar Meter vom Ufer entfernt im Aaseewasser. Und tut ihren Dienst als Mahnmal für die Botschaft, dass das Bildungssystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, wie Olaf Götze vom Uni-AStA gestern erklärte.
Für diese Aussage hat André Stücher das passende Bild gefunden. Der Student an der Kunstakademie ist der Schöpfer der vierten Aaseekugel. Kleine Eingriffe wie dieser können große Irritationen auslösen, erklärt Stücher, der die Machart der Kugel hütet wie ein Geheimrezept. Nur so viel: Mit einem Durchmesser von 3,50 Metern sei sein Aktionskunstwerk exakt genau so groß wie die drei Schwestern auf der Aaseewiese. Jedenfalls virtuell. Denn ob Stücher in den eineinhalb Monaten, in denen er seine Idee umsetzte, aus Styropor nur den Teil der Kugel gestaltet hat, der jetzt aus dem Wasser ragt oder eben ein komplettes Duplikat, will er nicht verraten.
Immerhin 18 Personen waren in der Nacht zum Montag nötig, das Double zu Wasser zu lassen. Auch die Polizei wurde aufmerksam, sei aber mit der Ermahnung, das Ordnungsamt zu verständigen, wieder abgezogen, berichtet Jan-Andreas Enste, AStA-Vorsitzender der Kunstakademie. Die Behörde habe sich zunächst ratlos gegeben, schmunzelt Enste: Für die Wasserfläche gibt es anscheinend keine Regelungen.
Nach Lage der Dinge darf die Kugel nun bis zum Wochenende Spaziergänger und Jogger irritieren. Im Schatten der Beton-Originale auf der Wiese haben die Studierenden aller münsterischen Hochschulen ihr Aktionscamp aufgeschlagen und machen mit Veranstaltungen auf die Bildungsdebatte aufmerksam. Weitere (Kunst-)Aktionen auf dem Prinzipalmarkt und in den Hochschulen sind für die nächsten Tage geplant.
Claes Oldenburg, Schöpfer der Kugel-Originale, die zur Skulpturen-Ausstellung 1977 an den Aasee rollten, weiß nichts von der Vermehrung seiner Giant Pool Balls. Noch nicht, denn André Stücher will den berühmten Kollegen informieren. Des Meisters Zorn muss er wohl nicht fürchten. Denn der mittlerweile 77 Jahre alte Oldenburg selbst fiel immer wieder durch originelle Kunstaktionen auf.



